Alleine reisen – für Yvonne Frei ist das kein notwendiges Übel, sondern ein Luxus. Die 54-jährige Schweizerin ist verheiratet, hat einen mittlerweile 23 Jahre alten Sohn – und ist dennoch, seit ihr Sohn drei Jahre alt war, immer wieder für mehrere Monate alleine unterwegs gewesen. „Es ist meine Leidenschaft, die ich für mein Leben einfach brauche“, sagt sie. Ihr Mann Marcel unterstützte sie von Anfang an dabei, hielt ihr den Rücken frei, übernahm Haushalt und Kinderbetreuung.
Gereist ist Yvonne schon immer viel. Früher als Backpackerin durch Asien, die USA, Australien, Neuseeland und Afrika. Und seit ihrer Hochzeitsreise – mit einem selbst ausgebauten Mitsubishi L300 ging es von der Schweiz die afrikanische Ostküste hinunter bis nach Südafrika – als Camperin. Oft waren auch ihr Mann und Sohn eine Zeit lang dabei, mussten dann aber der Schule und Arbeit wegen früher in die Schweiz zurück. Und Yvonne reiste alleine weiter.
Ihre wohl längste Alleinreise führte sie 2019 bis nach Kirgistan. „Mein Mann und ich unterstützen dort seit 2015 ein humanitäres Hilfsprojekt“, erzählt die Dentalhygienikerin und Praxismanagerin aus einer kieferorthopädischen Praxis. Zusammen mit der Stiftung „Zuversicht für Kinder“ haben sie vor Ort ein Zentrum mit Chirurgen, Kieferorthopäden und Logopäden aufgebaut, das Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten behandelt. Irgendwann hatte Yvonne die Idee, das nächste Mal alleine mit dem Camper dorthin zu fahren.
Der VW T5 Terracamper der Familie Frei ist mit Luftfahrwerk, Unterbodenschutz und kurzem Getriebe ausgestattet. Offroad-Erfahrung hatte Yvonne ebenfalls gesammelt – „auch wenn das Offroad-Fahren für mich eher Mittel zum Zweck ist, um mich an entlegene Ziele zu bringen.“ Im Vordergrund stehen für sie die Begegnungen mit Menschen. Kleinere Reparaturen am Fahrzeug traut sie sich zu; vor der Abfahrt absolvierte sie zusätzlich einen „Automechaniker-Grundkurs“ bei ihrem Mann. „Dass am Fahrzeug wirklich mal etwas richtig kaputt geht, ist meine einzige Sorge, wenn ich alleine unterwegs bin.“
Ende März 2019 ging es einmal quer durch Osteuropa und die Türkei Richtung Kirgistan. Die längste Zeit verbrachte sie im Iran. Iran? Alleine als Frau? „Tatsächlich war es fantastisch – gerade alleine als Frau“, resümiert Yvonne. „Es gibt wohl kaum ein anderes Land, in dem Schein und Sein so weit auseinander liegen.“ Das schlechte Image des Landes habe nichts mit den Einwohnern zu tun, sondern mit Regierung, Regeln und Gesetzen.
Schon bei der Einreise bekam sie einen Betreuer zur Seite, der alle Posten für sie abklapperte, ihr ein Reiseprogramm zusammenstellte und sich mehrfach für die Einreiseprozedur entschuldigte. Am Ende tranken sie einen Tee zusammen. „Ich hatte zwar nicht mit Problemen gerechnet, aber auch nicht mit solcher Gastfreundschaft und Herzlichkeit. Es war rührend.“
In Mashhad war sie fast jeden Abend auf einer Party eingeladen. „Ich habe dort viele Freunde kennengelernt, war mit iranischen Frauen abends alleine unterwegs.“ In der Öffentlichkeit trug auch sie ein Kopftuch, doch sobald sie bei einer Familie zu Hause war, nahmen es alle ab, tranken Rotwein und feierten das Leben. „Ich würde immer wieder alleine in den Iran reisen.“
Schlechte Erinnerungen verbindet Yvonne dagegen mit Turkmenistan. Aus dem Iran kommend, sei es „der pure Horror“ gewesen – eines der restriktivsten Länder der Welt, mit Transit-Visum und Regierungs-GPS, das die Einhaltung der vorgegebenen Route kontrollierte. Von weiteren Alleinreisen hält sie das aber nicht ab. Auch die Mongolei steht noch auf ihrer Liste.
Quelle: 4x4 Camper Magazin, Ausgabe 2/2022, Rubrik „Trucker Ladies“.