Tibesti im Tschad – Foto von Yvonne Frei

Reisen · Tschad

«Allah wird euch führen.»

Sechs Tage warteten wir in Al Kathrun an der libyschen Grenze vergeblich auf ein Begleitfahrzeug. Mit gemischten Gefühlen entschlossen wir uns, die lange Pistenstrecke von Libyen in den Tschad alleine zu bewältigen.

«Es gibt keine Minen mehr im Nordtschad, die Franzosen haben alle weggeräumt», meinte ein Immigrationofficer zuversichtlich. Sind wir gerade noch über unendlich scheinende Sandflächen geflogen, präsentiert sich die Wüste jetzt als ein Trümmerhaufen verwitterter Steine. Wir fahren auf der alten Schmugglerpiste, welche streckenweise auch von den LKWs benutzt wird – den einzigen Fahrzeugen auf diesem Weg, da Gaddafi die Grenze wieder verriegeln will.

Lebensangst

Plötzlich entdecken wir, dass unser Mitsubishi Öl verliert. Die extrem lebensfeindliche und absolut einsame Umgebung lässt uns bewusst werden, wie vergänglich alles Lebende hier ist. Was Lebensangst ist, wissen wir seit diesem Moment, und sie lässt uns bis Faya nie mehr los.

Am dritten Tag sehen wir in der Ferne in einem Meer aus Sand die Felsnadeln des Tibesti. Sie ragen hoch gegen den Himmel auf – steinerne Monumente im Aussehen gotischer Kathedralen. Das ganze Bild scheint uns so unwirklich schön, dass wir längere Zeit verweilen. Mit jedem Atemzug nehmen wir ein Stück dieser Inselberge in uns auf.

Minen

Die letzten zweihundert Kilometer bis Zouar führen durch vermintes Gebiet. Wir fahren genau in der Piste, trauen uns trotz tiefer Fahrrinne nicht auszuscheren. Der Krieg ist längst zu Ende, doch die tödliche Saat ist geblieben. Opfer ist wieder einmal die Bevölkerung, die Nomaden, die mit ihren Tieren auf der Suche nach etwas Grünem umherziehen.

Dann der erste ausgebrannte libysche Panzer und haufenweise Munition. Wir können nicht begreifen, weshalb hier so ein sinnloser Krieg geführt wurde. In Zouar füllen wir aus einem Fass unseren Treibstoff auf. Der Dorfpräfekt verlangt Schmiergeld – nach zähen Verhandlungen begnügt er sich mit 100 Franken.

Inzwischen verlieren wir nicht nur Öl, sondern die Verankerungen des Kühlerventilators reissen immer mehr ein. Die Strecke führt wieder an Kriegsmaterial vorbei: Wracks von Panzern und Flugzeugen, Fliegergeschosse säumen die Piste. Dann stehen wir am Rande eines Beckens, das mit Schilf überwachsen ist. Wie ein Juwel liegt ein See grün umrandet im gelben Sand. Libellen surren, Vögel fliegen darüber, zwei Pferde grasen am Ufer. Eine Idylle wie aus «Tausendundeiner Nacht». Leben und Tod, Schönheit und Schrecken liegen hier oft nahe beisammen.

Oase im Tschad – grünes Schilf, See und Palmen mitten in der Wüste
Oase im Tschad – wie ein Juwel im gelben Sand.

Ein einfacher Tisch als Altar

Problemlos erreichen wir Faya. Es ist schön, wieder unter Menschen zu sein. Am Sonntag besuchen wir die katholische Messe – ein Erlebnis, das uns tief beeindruckt. Wir hören schon von fern den Gesang. Tam-Tams ergänzen die herzliche, warme Stimmung. Der Altar: ein Tisch mit einem weissen Laken, darauf ein Holzkreuz mit zwei Sturmlaternen. Als wir uns setzen, sehen wir erst, dass die Trommeln aus Fliegerbomben gefertigt sind.

Der Nordtschad, vergessen vom Süden, zu weit weg von der Hauptstadt N'Djamena, kämpft ums Überleben. Wäre da nicht das Handelsgut aus Libyen, sähe die Situation noch viel dramatischer aus. Unglaublich, aber wahr: In Faya treffen wir ein deutsches Paar, das ebenfalls im Mitsubishi L300 auf derselben Strecke unterwegs ist. Gemeinsam erholen wir uns auf einem Camping direkt am Chari, dem Grenzfluss zu Kamerun – und schmieden Pläne für die Weiterfahrt.