
Reisen · Sudan
«Please Miss Yvonne, do not stop!»
Das Wüstenabenteuer beginnt auf dem Nassersee
Auf zwei schmalen Brettern vom Frachtschiff an Land, dann allein durch die nubische Steinwüste bis Khartum – 500 Pistenkilometer durch eine Mondlandschaft aus schwarzem Wüstenlack.
«Please Miss Yvonne, do not stop!» ruft mir der Kapitän vom Frachtschiff zu, auf dem das Mitsuchüeli den Assuan-Stausee – oder wie man es hier nennt, das nubische Meer – in den Sudan querte. Ich sitze im Wagen, lege den untersetzten 4×4-Modus ein und muss gestehen, dass meine Nerven blank liegen. Voller Zweifel schaue ich auf die zwei vor mir liegenden Bretter, kaum breiter als die Reifen selber. Sie verbinden das Frachtschiff mit einem weiteren Schiff, von dem ein improvisiertes Metallgleis zum Festland führt. Dazu kommt starker Wellengang, was das Abladen zu einem dramatischen Abenteuer werden lässt.
Ich beschliesse, mich dem Schicksal hinzugeben und die erlernte Theorie über Gewicht, Masse und Beschleunigung über Bord zu werfen. Von wegen nicht stoppen! Ich bewege das Mitsuchüeli Zentimeter um Zentimeter vorwärts. Wenn die schaulustigen Leute schreien und mit den Händen gestikulieren, halte ich sofort, Rückwärtsgang rein, wieder von vorne. Nach gut einer halben Stunde endlich die Erlösung: Alle schreien «go go!». Ich stehe aufs Gas und spüre mit unendlicher Erleichterung festen Boden unter den Rädern.
Mondlandschaft bis zum Horizont
Noch am selben Tag mache ich mich auf den langen Weg nach Khartum, durch ein Meer aus schwarzen, mit Wüstenlack überzogenen Steinen, verwitterte Felsen, wüst durcheinander geworfene Trümmerhaufen. Eine Mondlandschaft, begrenzt von der Linie des Horizontes – dort, wo die Welt zu Ende ist und nur noch Himmel kommt. Keine Sanddünen, keine Bäume, kein Wasser. Trotz der vorhersehbaren Trockenheit bin ich von der leblosen Steinwüste erschüttert.
Von Minute zu Minute wird die Hitze schlimmer, als würde der Weg geradewegs in die Sonne hineinführen. Die erhitzte Luft beginnt zu zittern. Alles wird flüssig, die Bilder bewegen sich und verschwimmen wie auf einem unscharfen Film. Der steinige Horizont entfernt sich und kommt wieder näher, als gäbe es hier Ebbe und Flut. Die Piste ist in einem schlechten Zustand. Stellen sind so wellig und löchrig, dass man kaum fahren kann. Das Mitsuchüeli schaukelt wie ein vom Sturm gebeuteltes Schiff. Jeder Kilometer ist eine Qual und bedeutet Materialmord.
Der Nil – und Dongola
Wie eine Befreiung erscheint am dritten Tag ein nubisches Dorf. Mit dem Dorf kommen Menschen, Tiere und vor allem der lebenspendende Nil. Die Steine weichen dem Sand unter den Rädern. Immer wieder passiere ich idyllische Dörfer und Felder. Die Menschen sind hier so schwarz wie die mondlose Nacht, sehr freundlich, winken von weitem. Die sprachliche Barriere hindert mich daran, sie näher kennenzulernen – so begnüge ich mich mit kurzen Augenblicken des Lächelns und der Handzeichen.
Nach 500 harten Pistenkilometern erreiche ich endlich Dongola. Ein Dorf am Nil, von dem ich erwartet hatte, es würde lächeln. Umso enttäuschter bin ich jetzt, als ich sehe, wie elendig und schmutzig dieser Ort ist. Ich wende mich ab und fahre weiter. Mir ist die Wüste dann doch lieber. Das Land der leblosen Pracht, des unerträglichen Glanzes.
Sandsturm und Khartum
Es ist Abend – draussen glitzert der Sternenhimmel so klar, wie ihn nur die Wüste machen kann. Die Stille ist grenzenlos, vereinzeltes Schakalgeheul macht sie hörbar. Am frühen Morgen weckt mich das Pfeifen und Heulen des Windes. Eine unsichtbare, mächtige Hand hat mein Dachzelt ergriffen und möchte es vom Träger reissen. Dämmerung senkt sich über den frühen Morgen, das Blickfeld schrumpft, ich sehe nur ein paar Meter weit. Der Sand sticht wie Eisnadeln in die ungeschützte Haut.
Ich lege das Zelt zusammen, steige rasch ins Auto und fahre, so schnell ich es wage, durch die wachsenden Sandhaufen. «Fesch-Fesch» – feiner Sandstaub – dringt ins Auto ein, sodass die Luft dick und schwer zu atmen ist. Der Geruch ist mineralisch scharf und beisst in der Nase. Erst gegen Abend senkt sich der Sandsturm, als ich Karima und damit auch die lang ersehnte Asphaltstrasse erreiche. Auf einer kleinen Fähre überquere ich den Nil und brause Khartum entgegen.
Die Hauptstadt des Sudans empfängt mich mit Hochspannungsleitungen, Gastanks, Baukränen – das Profil einer modernen Grossstadt im Aufbruch. Dürre und Krieg haben die Dörfer entvölkert und ihre Bewohner in die Metropolen getrieben. «Ziehen wir in die Stadt» – in diesem Ruf schwingt Hoffnung mit, manchmal auch pure Verzweiflung.