
Reisen · Sambia
Sambia solo
600 Kilometer, eine Fähre – und ungewohnt viel Zeit
Marcel ist zurück in die Schweiz geflogen, ich fahre allein im „Fordofant" vom Chobe nach Lusaka. Zwischen Sundownern, Grenzchaos und der grossen Frage: Was mache ich mit der afrikanischen Zeit?
Die Sonne ist noch hell und wenn ich auf den Chobe hinaus schaue, muss ich die Augen zukneifen. Dennoch scheint das Licht nicht mehr so hart und taucht die Landschaft in gelbes Licht. Weit entfernt höre ich die Flusspferde grunzen, irgendwo auf einem Sundownerschiff scheint eine Party zu steigen. Je mehr die Sonne sich dem Horizont zuneigt, desto goldiger bis fast orange verschmilzt der Himmel mit dem Wasser. Der Lichtstrahl spiegelt sich im Wasser wie ein glühendes Schwert.
Wie ein Ball fällt die Sonne unter den Horizont und ist schnell verschwunden. Mit der Sonne gehen auch die Touristen. Das Konzert der Insekten kann wieder beginnen.
Allein in Kasane
Ich sitze alleine hier in Kasane, vielleicht etwas einsam. Marcel ist heute Nachmittag in die Schweiz zurück geflogen und wird mit Raphael nach Lusaka kommen, wo ich das Auto hinfahren werde. Da nur 600 Asphaltkilometer, eine Flussquerung und ein Grenzübergang dazwischen liegen, habe ich viel Zeit. Ungewohnt viel Zeit. Etwas verloren überlege ich, wie ich sie nutzen will.
Überhäufe ich meine Reise mit vielen Zielen, wird die Zeit kostbar und kurz, und nichts würde an mir haften bleiben. Ich möchte aber Zeit haben – ein afrikanisches Phänomen, das uns schon lange verloren gegangen ist. Ich möchte erleben, wie es ist, wenn man einfach endlos Zeit hat. Warum fällt es mir so schwer?
Die Menschen hier haben Zeit, egal ob sie im Büro arbeiten, an der Strasse auf eine Mitfahrgelegenheit warten oder in ihren Dörfern leben, wo sich keiner nach der Uhr richtet, sondern nach Sonnenauf- und -untergang. Für die Afrikaner ist die Zeit einfach da.

Die Fähre über den Chobe – und der Klebefritz
Bevor ich die Fähre überhaupt sehe, fahre ich an einer kilometerlangen Warteschlange schwerer Lastwagen vorbei. Pro Flussquerung kann nur ein Lastwagen befördert werden – PWs hat es kaum, ich werde gleich aufs Schiff gewinkt. Auf der sambischen Seite wartet dafür das absolute Chaos: Halbwüchsige umstellen mich und bieten ihre Dienste als Routenläufer durch den Einreisemarathon an. Ich entscheide mich für einen älteren Mann mit offizieller Zollmarke.
Er leitet mich von der Immigration zur Polizei, in vier armseligen Büros werde ich viel Geld los. Als ich zum Fordofant zurückkehre, ist dieser tipptopp gereinigt – „Josef" lacht mich breit an. Ein anderer klebt vorne zwei weisse, hinten zwei rote Reflektoren ans Auto: ohne diese Sticker drohe eine Busse von 500 US-Dollar. Der Klebefritz fordert 15 US$, sonst müsse er die Polizei rufen. Ja gerne doch, dann können wir die Sachlage mit den Stickern ja gerade klären! Zu lange bin ich schon in Afrika unterwegs.

Maramba Camp am Sambezi
Schnell erreiche ich Livingstone, die Stadt bei den Viktoriafällen. Ich entscheide mich für das alt bewährte Maramba, direkt am Sambezi. Hier verbringe ich die nächsten Tage, schaue, welche Tiere das gegenüberliegende Ufer aufsuchen, und versuche immer noch, die Zeit in vollen Zügen zu geniessen.
Bemitleidend fragen mich die Schwarzen im Camp, ob ich alleine unterwegs sei. Wenn ich bejahe, verziehen sich ihre Gesichtszüge zu einem Jammern. Wie armselig muss es mir doch ergehen, niemanden zu haben! Unvorstellbar, keine Familie um sich zu haben. Es gäbe für sie keinen Grund, freiwillig etwas alleine zu unternehmen – sie sind fest im Familiengefüge verankert. Als ich erkläre, dass meine Familie nächsten Dienstag in Lusaka eintreffen wird, schnaufen sie sichtlich erleichtert auf und wünschen mir eine kurze Zeit bis dahin.

Begegnungen
Die Menschen, die mir auf dem Weg begegnen – an Wasserlöchern, in Dörfern, am Rand der Pisten.




South Luangwa – Wildnis ohne Filter
Elefanten, Löwen und das ungeschönte Schauspiel der Hyänen am Riss: Sambias Nationalparks zeigen Afrika ohne Filter – manchmal schön, manchmal brutal, immer ehrlich.





