
Reisen · Namibia
Ziegenfell und Ockerfett
Ein Abend bei den Himba im Kaoko-Land
Über dem Boden flimmert die Luft, stechend helles Licht ergiesst sich über das Land. Steinwüste, Felsen, Stille – und dann, völlig unerwartet, ein Kraal im Schatten eines uralten Baobabs.
Wir fahren immer weiter ins unberührte Kaoko-Land hinein. Je nördlicher wir kommen, desto üppiger wird die Vegetation. Irgendwo abseits auf einer einsamen Piste taucht vor uns völlig unerwartet ein Himba-Dorf auf. Ein hoher Zaun aus dornigen, trockenen Ästen umgibt schützend den Kraal. Etwas unsicher betreten wir den Hauptplatz, der kreisförmig von etwa zehn erdenen, halbkugelförmigen Hütten eingerahmt wird.
Im Schatten des Baobabs
Ein junger Mann erscheint, gross und muskulös, der Kopf bis auf einen schmalen Zopf in der Mitte kahlrasiert – wie der zurückgelegte Kamm eines Wiedehopfes. Er führt uns zum Dorfhäuptling, der uns mit einem kurzen, freundlichen «Moro» begrüsst. Im Schatten des alten, prachtvollen Baobabs, der hier so tief verwurzelt ist wie das Volk der OVA-Himba selber, setzen wir uns in der roten, staubigen Erde nieder.
Während wir dem Häuptling unsere Gastgeschenke – Maismehl, Tabak, Streichhölzer und Rasierklingen – überreichen, kommen die Frauen neugierig gelaufen und setzen sich ungeniert in unsere Runde.
Ockerhaut, Ziegenfellrock und Coue
Sie sind selbstbewusst und schön. Die Körper sind mit einer ockerhaltigen Butterpaste bedeckt, die sie wie eine zweite Haut vor dem Austrocknen schützt – und ihnen bis ins hohe Alter ein junges, faltenloses Aussehen verleiht. Die Haare fallen in rastaähnlichen Zöpfen auf ihre Schultern, genauso rostbraun wie der kurze, kecke Ziegenfellrock, den sie tragen.
Der ganze Stolz der Himbafrauen ist jedoch ihr Schmuck: geflochtene Lederbänder, Ketten aus Strausseneierschalenstückchen, „Silberperlen" aus plattgeklopften Drahtstücken, Kupferringe. Besonders auffällig ist das „Coue" – ein waagerechter geschmückter Lederbalken mit einer grossen Muschel, die von den blossen Brüsten eingerahmt wird. Verheiratete Frauen tragen zudem einen ziegenledernen Kopfputz, der an den Kamm eines Hahnes erinnert.
Wilhelm Tell als Himba
Mit dem gleichen Interesse, mit dem ich sie betrachte, mustern sie auch mich. In meinem verschwitzten T-Shirt, den Shorts und den zerzausten Haaren erwecke ich bei ihnen wohl eher Mitleid als Neid. Wir zeigen ihnen das Farbbilderheft „The best of Switzerland". Schneeberge und Luftseilbahnen betrachten sie hilflos. Wo Kühe, Schafe oder Ziegen zu sehen sind, ertönt sofort das entsprechende Himbawort vielstimmig.
Die Stimmung erreicht ihren Höhepunkt, als das Bild der Wilhelm-Tell-Statue am Vierwaldstättersee aufgeschlagen wird. Eine alte Frau zeigt mit ihrem krummen, langnageligen Finger darauf und ruft freudig «Himba!» aus. Als sie zu den Appenzellertrachten weiterblättern, lachen sie und schütteln amüsiert und verständnislos ihre Köpfe.

Geschichten in der Nacht
Nach dieser kleinen Vorführung gehen die Himba wieder ihren Beschäftigungen nach. Die jungen Frauen rasieren den Kindern fantasievolle Frisuren – meist lassen sie zwei Haarhörner stehen, wie bei einem Teufel. Babys werden von den Ältesten gehütet und gehätschelt, so dass kaum eines je schreit. Frauen sammeln trockenes Holz, balancierend auf den Köpfen, und entfachen am Feuer Maismehlbrei in einer leeren Konservendose.
Inzwischen ist es dunkel geworden, eine angenehme Kühle breitet sich aus. Wir sitzen alle wieder unter dem Baobab. Es riecht nach Ziege und trockenem Gras. Es wird gegessen, viel geredet und gelacht. Das hingebungsvolle Austauschen von Nachrichten und die bestätigenden Laute der Zuhörer erfüllen die Nacht.