Nordkenia — Ein See im Norden
1986 das erste Mal in Kenia – und nie mehr losgekommen. Dieser Bericht stammt von 1996, als wir uns auf den Weg zum Turkana-See machten: Samburu-Frauen, El Molo-Fischer und ein Sonnenuntergang wie eine Feuersbrunst.

„Wohin wollt ihr?"
„Wohin wollt ihr?" fragt uns ein Polizist nördlich von Maralal. „Zum Lake Turkana", antworten wir gelassen. Er reisst die Augen auf und will wissen, wo unser bewaffneter Militärschutz sei. In dieser Gegend gebe es Stammesfehden, Somalibanden auf Viehraubzügen. Wir beschwichtigen: Wir wüssten Bescheid. Lieber geben wir einen Teil unserer Habe her, als das Risiko einer Schiesserei einzugehen. Mit Glückwünschen verabschiedet sich der Polizist.
Wir fahren am Rande eines Plateaus dem Turkanasee entgegen. Unter uns die gewaltigen blau-grünen Täler und Schluchten des ostafrikanischen Grabenbruchs. Die Schatten der Wolken ziehen über die Weiten und verändern die Farben. Auf dieser Hochebene scheint die Stille unzerstörbar wie die blauen Felsen in der Ferne.

Prächtig geschmückte Samburu-Frauen
Plötzlich und völlig unerwartet sehen wir vor uns Leute – eine Überraschung inmitten dieser lautlosen Wildnis. Samburu-Frauen, sie lachen und winken uns zu. Wir halten an und bestaunen diese prächtigen Geschöpfe: rote Tanga, gestreift oder kariert, unzählige Reifen aus farbigen Perlen. Ihre Hälse sind bedeckt von schmucken Ringen. Es scheint, als balancierten die Köpfe auf umgekehrten Trichtern. Sie sind kahl geschoren und wirken so merkwürdig weiblich und graziös. In den Ohrläppchen stecken riesige weisse Knöpfe, Coca-Cola-Verschlüsse oder Filmrollen für den Schnupftabak.


Wie ein Götterbild
Ein junges Mädchen hat ihr Gesicht mit einem kreuzähnlichen Silberstück über der Stirn geschmückt. Perlenketten über den Wangen verwandeln ihr Gesicht in eine ausdrucksvolle Maske. Als ich um ein Foto bitte, steht sie aufrecht und regungslos da, wie ein Götterbild. Sie ist stolz und wahrhaftig einzigartig.
Es sind die schönsten Menschen, die ich auf meiner ganzen Reise gesehen habe – ohne jegliche materielle Habgier und ohne der sonst so typischen hohlen, hingestreckten Hand. Ein Erlebnis seltener Art in Afrika.

Dreckig und vergnüglich
Bald darauf erreichen wir einen kleinen Ort: ein Sammelsurium Hütten mit Wellblechdächern entlang der staubigen Piste. Ein Ort voller Leben, dreckig und vergnüglich. Rot gekleidete Samburu hängen vor den Dukas herum. Alte Frauen sitzen unter einem Eukalyptusbaum und verkaufen ihre rauchig riechende Kuhmilch aus Kalebassen.
Hinter dem Dorf erstreckt sich eine unsagbar weite Fläche mit trockenem Steppengras. Die Ebene wirkt wie ein goldener Seidenteppich, auf dem buntgescheckte Viehherden grasen, gehütet von jungen Kriegern mit langen, rotbraun gefärbten Haaren in schweren keulenartigen Zöpfen. Gross gewachsen, langbeinig, gestützt auf ihre Speere, auf einem Bein stehend – so blicken sie uns nach.
Schon wieder ein Platten
Wir queren über Stunden die Ebene und fangen dann zu unserem Entsetzen den zweiten Platten ein. Da wir nur ein Ersatzrad mitführen, heisst es: Pneu von der Felge, Schlauch raus, flicken, wieder auf die Felge hebeln und mit der Handpumpe 2,5 Bar erzeugen.


Ein See wie ein Opal
Unser Weg führt durch ein enges Tal, einem trockenen Flusslauf folgend. Grau-grüne Flechten wallen wie lange Bärte von den Bäumen, Schlingpflanzen fallen wie Christbaumlametta von den Schirmakazien. Wo sich das Tal weitet, taucht plötzlich der Turkana-See vor uns auf. Ein Land, gezeichnet von ehemaligen Vulkanausbrüchen – rauh, gewaltig und unwirklich. Überall wahnsinnige Farben und unglaubliche Formen.
Der See schimmert wie ein Opal türkisblau. Wir fühlen uns, als wären wir auf einem anderen Planeten.
Ein steiler, mit Lavabrocken übersäter Pfad schlängelt sich zum See hinab. Dort fischen ein paar El Molo von primitiven Flossen aus – Männer eines Volkes, so schwarz wie eine Haut nur sein kann, die täglich auf der Wasseroberfläche des Sees verbrannt wird. Verborgen hinter einem Hitzeschleier liegt die Oase Loyangalani.

Eine triumphale Feuersbrunst
Die Sonne neigt sich dem Horizont entgegen und wir erklimmen eine kleine Anhöhe über dem Turkana-See. Als das Glühen des Sonnenuntergangs auf die glatte, ruhige Wasseroberfläche übergeht, erscheint die ganze Welt in einer triumphalen Feuersbrunst.
