Sares – Rundhüttendörfer der Mafa in den Mandaraberge Nordkameruns

Reisen · Kamerun

Mafa, Mandaraberge & das verlorene Volk der Pygmäen

Zwischen Hirsebrei, Krabbenzauber und Regenwald

Unter dem Affenbrotbaum von Djingliya, beim Fetischpriester in den Mandaraberge und in einer Piroge auf dem Lobe – Kamerun zeigt sich in seinen unverfälschten Gesichtern.

Während man im Westen via Internet weltweit kommuniziert und Herztransplantationen zum Routine-Eingriff werden, tragen Mafa-Frauen ihre Babys in Tücher gewickelt auf dem Rücken und balancieren grosse Tonkrüge voll Wasser auf ihren Köpfen von den Brunnen in ihre Gehöfte. Wie schon vor hundert Jahren steht in jeder Küche ein schwarzer Topf über züngelndem Feuer, in dem jeden Tag Hirsebrei brodelt.

Säuberlich sind die Räume gefegt, einfach die Einrichtungen. Täglich arbeiten die Familienmitglieder hart auf den kunstvoll angelegten Terrassenfeldern, um aus dem kargen, steinigen Boden Hirse zu gewinnen. Stolz sind sie geblieben auf ihren Stamm. Sie können noch lachen, sind zufrieden mit dem, was sie haben.

Dämonenerzählungen unter dem Affenbrotbaum

Es wird Abend, die Sonne berührt den westlichen Horizont und entzündet den Himmel in allerlei Rottönen. Wir sitzen unter einem riesigen Affenbrotbaum im Mafadorf Djingliya in der unvergleichlichen Gebirgslandschaft der Mandaraberge Nordkameruns. Die Sares – Rundhüttendörfer, die jeweils von einer Familie bewohnt werden und deren Grösse von der Anzahl der Frauen eines Mannes abhängt – kleben an den steilen Flanken der Hänge, wie eine Rahmdekoration auf einer Vacherintorte.

Rhythmische, dumpfe Töne dringen in die Nacht. Es sind die Klänge eines Tam Tams. Eine tiefe Männerstimme eröffnet den Gesang, während viele Frauen mit ihren hohen, sanften Stimmen den Refrain singen. Die Seele dieser Menschen ist so unverfälscht afrikanisch, dass schwarze Magie und mystische Geisterbeschwörung einen festen Nährboden finden. Obwohl sich die Leute hier stolz zum Christentum bekennen, halten sie weiterhin an Polygamie, Krabbenzauber, Opferriten und Totenkult fest.

Beim Krabbenzauberer

Zerbrochene Tonkrüge, jede Menge Wurzeln und andere Utensilien liegen im Innenhof des Fetischpriesters. Ein alter Mann mit runzligem Gesicht und einer dunkelblauen Kutte begrüsst uns. Er setzt sich auf den Boden und nimmt eine grosse Kalebassenschüssel, gefüllt mit Sand. Am Rand stecken vier Holzstückchen, symbolisch für Afrika, Europa, Kamerun und Djingliya.

Mit zittrigen Fingern legt er eine heilige, lebendige, kurz vorher angespuckte Süsswasserkrabbe ins Zentrum der Kalebasse und deckt diese ab. Nach einigen Minuten öffnet der Wahrsager die Schale wieder. Aus seinem ernsten Gesicht erscheint ein Lächeln: Er prophezeit uns, dass wir Uganda heil erreichen werden. Er gibt uns einen Talisman in Form von je einem Stückchen Kohle und Kaktus mit – im Fahrzeug gut zu verstecken, vor erwarteten Problemen an den Körper zu nehmen.

Pygmäen: das verlorene Volk

Langsam fliesst eine zähe, einheitlich dunkelgrün wabernde Masse an uns vorbei. Schwer liegt die Hitze über dem Regenwald, fast greifbar ist die drückende Schwüle. Der Lobe-Fluss bildet die Hauptschlagader des Lebens hier. Ein schmaler Trampelpfad führt durch den Dschungel zu einer Pygmäensiedlung – einer Lichtung mit ein paar rechteckigen Bauten aus Bambus, Lehm und geflochtenen Blättermatten.

Der Sippenchef, kaum grösser als ein Meter vierzig, trägt ein zerrissenes schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift «Mad Boy». Vor seinem Fangnetz kauernd fragt er, was wir für Geschenke mitbringen. Seifen, Kekse, Stifte, Spielzeugautos – es ist nicht genug. Zigaretten und Tabak wären gefragt, und für einen Tanz braucht es Schnaps. Die Pygmäen schauen mit leerem Blick zu uns und unseren Rucksäcken, hoffen auf die flüssige Droge, der sie verfallen sind.

Ein Mann mit Stümpfen statt Fingern und einer von der Lepra entstellten Nase bettelt um Zigaretten. Etwas abseits hockt eine barbrüstige, uralt aussehende Frau und zermahlt Maniok auf einer Steinplatte. In ihrem Gesicht steht ihr ganzes Leben geschrieben – gezeichnet vom Lebensraum der „grünen Hölle" und der Existenz am Rande der Zivilisation, in Abhängigkeit vom Bantustamm, der sie an Touristen verkauft.

Die Pygmäen sterben mit dem Wald. Zuviel hat man ihnen weggenommen, zu rasch wird ihr Lebensraum, der Urwald, abgeholzt. Sie werden diesen Kampf ums Überleben verlieren.

Richard, der Fischer von Kribi

Ich sitze mit dem neunundvierzigjährigen schwarzen Fischer in seiner Piroge, ein paar hundert Meter draussen vor der Küste Kribis im Süden Kameruns. Stück um Stück holen wir das Netz ein: zwei Kapitänsfische, etliche Bar, ein kleiner Thunfisch, eine Krabbe – und am Ende eine fette Wasserschnecke, an deren Verzehr Richard sich schon jetzt freut.

Es sei hier nicht mehr viel zu holen, meint er, seit Plattformen und Öltanker die gerade Linie des Horizontes unterbrechen. Profit bringt das flüssige Gold; Devisen sind der kamerunischen Regierung wichtiger als das Wohl der Küstenbewohner. Richard hat nicht mal Geld für ein neues Netz, so muss er weiterhin mit dem zerschlissenen zurechtkommen.

Richard war einmal Tiefbauzeichner in einer deutschen Firma, hatte eine Villa in Yaoundé. Die Firma ging pleite. Seine Frau wollte nichts vom Leben an der Küste wissen, fand einen wohlhabenden Mann und verliess ihn. Die fünf Kinder aus erster Ehe hat er seither nie mehr gesehen. Was ihn fast mehr bedrückt: Er hat kein Geld mehr für sein Hobby, das Malen. Er zeigt uns unvollendete Gemälde mit biblischen Szenen, auf den Rückseiten grossformatiger Kalender. Yvonne und ich schauen uns an. Wir wissen, was wir ihm auf nächste Weihnachten aus der Schweiz senden werden.