Sanddünen im Grand Erg Orientale, Algerien – Foto von Yvonne Frei

Reisen · Algerien

Die Wüste in ihrer unendlichen Schönheit

Ein Monat als Familie durch den Grand Erg Orientale

Mit Marcel und unserem knapp vierjährigen Raphael im „Mitsuchüeli" – einem Mitsubishi L 300 4×4 mit Kuh-Design, beladen mit 230 Litern Diesel und 120 Litern Wasser – durch eine Welt aus Sand, Stein und Licht.

«Ce n'est pas la route!» ruft ein junger Algerier mit wild gestikulierenden Armen. Er meint, es gebe eine gute Asphaltstrasse aussen herum, die Piste hier sei viel zu gefährlich. Wir erklären ihm, dass wir den Brunnen suchen, von dem aus wir einen Routenbeschrieb mit GPS-Punkten haben. Welcher Irre will schon diese Piste nehmen, wenn da eine so gute Strasse vorhanden ist! Kopfschüttelnd geht er an uns vorbei, als er merkt, dass seine Bemühungen umsonst sind.

Durchquerung des Erg Orientale

Wir sind als Familie in Algerien, in der Wüste, in einer anderen Welt, in einem anderen Leben. Wir halten uns nicht mehr an den Tagesablauf des zivilisierten Menschen, sondern unterliegen dem Rhythmus, den die Sonne vorgibt. Das Leben hier ist auf das Wesentliche reduziert, einfach und nüchtern, doch voller Lehren.

Im Geleit mit zwei anderen Fahrzeugen zweigen wir kurz nach der Grenze von der Teerstrasse ab. Eine kleine Oase, ein Palmenhain, eine letzte Mauer – und dann ist da plötzlich gar nichts mehr. Nichts als eine freie Fläche, in die wir eintauchen. Die ausgedörrte Erde bietet nur noch strohige, goldgelbe Grasbüschel. Trotzdem ist hier Weideland für Ziegen und Kamele. Am Abend kommen die Nomaden ans Lager und bitten um Wasser und Brot.

Tuareg in traditionellem Turban in der algerischen Sahara
Begegnung in der Sahara

Düne um Düne

Dann die plötzliche Berührung mit einem gewaltigen Meer aus Sand – Welle auf Welle, vom Wind zu immer neuen Formationen geformt, bis sie sich im Unendlichen verlieren. Eine Landschaft fast ohne Leben, totes Land, das jedoch einst regelmässig von Karawanen durchstreift wurde. Die Wüste symbolisiert gleichermassen die Schönheit, den Tod und den Kampf.

Und so beginnt auch für uns ein Kampf ums Weiterkommen, Düne um Düne. Wieder und wieder graben sich die Räder im Sand fest. Dann gilt es zu schaufeln und Sandbleche zu legen, bis es heisst: „Go, go, go!" Kilometerweit werden schwierige Passagen zu Fuss abmarschiert und die idealsten Dünenübergänge markiert – in der Hoffnung, dass die Autos durchkommen.

Fata Morgana

Der Himmel ist so hell, dass er farblos wirkt. Die sengende Hitze der hoch stehenden Sonne senkt sich als glühender Schleier herab und steigt vom brennenden Sand wieder auf. Es findet sich kein einziger Schatten. Am Horizont flimmert die heisse Luft, und als Fata Morgana werden uns Tümpel, ja gar unmögliche Lagunen vorgegaukelt, die nur Enttäuschung bedeuten. Wir müssen weiter, weil es weitergehen muss – an ein Zurück ist nicht mehr zu denken.

Bei einer schwierigen Passage gerät das Auto in eine gefährliche Schräglage. Die am meisten gefürchtete Situation aller Saharafahrer ist eingetreten. Es ist 16 Uhr, eigentlich hätte gleich das Nachtlager aufgeschlagen werden sollen. Während wir um das Auto herumstehen und über das weitere Vorgehen beraten, klagt unser knapp vierjähriger Raphael über Bauchschmerzen. Kurz danach erbricht er. In solchen Momenten fragen wir uns schon, warum wir das alles auf uns nehmen. Zwei Stunden dauert es, bis das Auto wieder festen Boden unter den Rädern hat.

Plateau du Fadnoun – mondähnliche Wüstenlandschaft

Die Umgebung ändert sich schlagartig, als wir das Plateau du Fadnoun erreichen. Wir verlassen die Sanddünen und stehen am Ufer der Steinwüste. Wieder eine andere Welt, im Herzen einer trostlosen Hochebene aus Sandstein, überzogen mit schwarzem Wüstenlack. Die Erde ist von der Sonne verbrannt, bedeckt mit kantigem Geröll, ein Trümmerfeld, so weit das Auge reicht.

Schon nach wenigen Kilometern Piste finden wir in einem Oued mit felsigem Gefälle traumhafte Gueltas – bezaubernde Schwimmbecken im kühlen Schatten mit ausnahmsweise fliessendem Wasser.

Eine Lektion in Demut

«Unsere Vergänglichkeit ist hautnah spürbar. Wir nehmen unseren Platz ein im Kampf gegen eine unmenschliche Natur. Die Landschaft zeichnet sich mit der brutalen Klarheit einer Kulisse ab, ein nacktes Skelett vor dem farblosen Himmel.»

Die Heimkehr steht bevor. Die Berge, das Reg, die steinigen Ebenen, die Dünen, die unendlichen Weiten – all das wird zurückgelassen. In Gedanken sind wir schon wieder auf einer neuen Reise: «Das Aufbrechen, ohne jemals anzukommen, spiegelt unser Leben zu uns selbst wider.»