Belebter Markt in Äthiopien mit Menschen zwischen Kisten und einem Händler mit Bananenkorb

Reisen · Äthiopien

Die Menschen haben unendlich Zeit

Vom Sudan hinüber in die grüne Hochebene

Ich verlasse Kartoum und damit auch die Wüste und die arabische Kultur. Schon nach wenigen Kilometern breitet sich ein grüner Teppich vor mir aus: Rundhütten, Viehherden, bunte Tücher – und ein Land, das jede gängige Vorstellung von Äthiopien über den Haufen wirft.

Der Grenzübertritt zwischen Sudan und Äthiopien dauert kaum eine Stunde – rekordverdächtig schnell. Doch dann fehlt ausgerechnet der Stempel fürs Carnet de Passage. In Shedy heisst es warten, erst zwei Stunden, dann nochmals eine halbe, bis der zuständige „Officer“ zurückkehrt und in dreissig Sekunden alles erledigt. Die Europäer haben die Uhr, die Afrikaner haben Zeit.

Eine grüne Überraschung

Ich bin völlig hingerissen von Äthiopien, das sonst vor allem mit Krieg, Dürre und Hunger in Verbindung gebracht wird. Meine Augen hingegen saugen die gewaltige Hochebene, die zahlreichen Schluchten und Täler ein. Überall liegen Dörfer, überall sind Menschen unterwegs, und aus Kindern, die „Forenji!“ rufen und dem Chüeli nachrennen, besteht gefühlt die halbe Bevölkerung.

Staubige Piste durch grüne Akazienlandschaft in Äthiopien
Unterwegs durch die grüne Weite Äthiopiens
Tiefe grüne Schlucht mit Flusslauf am BodenEin einzelner Baum auf einer grünen Hochebene unter blauem HimmelBreiter Wasserfall in üppiger grüner Landschaft

Strassenleben nach Bahir Dar

Am nächsten Tag fahre ich weiter – auf chinesischem Super-Asphalt nach Bahir Dar. Ganz Afrika ist in Bewegung: Fussgänger, Lastenträger, Kühe, Ziegen, Schafe, Esel und Fahrräder teilen sich die Strasse. Am Rand hinter dem offenen Rinnstein wickeln sich das häusliche Leben und das Geschäften ab. Frauen rösten Kaffee, kochen, handeln mit Früchten, Bier und Aspirin, waschen, lachen und tratschen.

Herrscher über diese Strassen sind die Lastwagenfahrer. Ein umgekippter Lastwagen, ein regungsloser Körper, viel Blut am Boden – ein Bild, das sich eingebrannt hat. Umso grösser ist die Erleichterung, als ich Bahir Dar am Tanasee erreiche und dort für kurze Zeit neue Energie tanke.

Lächelnde ältere Frau mit Brille und dunklem KopftuchBelebte Strasse in Bahir Dar mit gelbem Bus und FussgängernZwei Männer sitzen entspannt vor einer Wellblechwand

Menschen am Weg

Es sind die Begegnungen entlang der Strecke, die Äthiopien so unmittelbar machen: ein junges Mädchen mit einem riesigen Reisigbündel auf dem Kopf, Frauen mit Feuerholz auf dem Rücken, Kinder mit Stöcken zwischen den Herden und ernste, neugierige Blicke, die sich nicht wieder vergessen lassen.

Lachendes junges Mädchen mit einem grossen Bündel Zweige auf dem KopfZwei Frauen tragen schweres Feuerholz über einen WegNahes Porträt eines äthiopischen Kindes mit einem Stöckchen im Mund

Werkstatt, Piste, Mitsuchüeli

Auch das rollende Heim gehört in diese Geschichte: der Mitsuchüeli auf staubiger Piste, kleine Reparaturen unter freiem Himmel, Männer, die Metallteile mit einfachen Werkzeugen in Form bringen. Alles wirkt improvisiert – und doch selbstverständlich, eingespielt und ruhig.

Zwei Männer bearbeiten ein Metallteil am BodenMitsuchüeli frontal auf einer steinigen Piste unter wolkigem HimmelHand mit Hammer bearbeitet ein Blechstück am Boden